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Full text of "Ringelnatz Schnupftabaksdose"

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Die Schnupftabaksdose 



Die 



Schnupftabaksdose 

Stumpfsinn in Versen und Bilderh 

« 

von 

Hans Botticher und R. J. M. Seewald 




Manchen 
R. Piper & Co., Verlag. 




DIE SCHNUPFTABAKSDOSE. 

Es war eine Schnupftabaksdose, 

Die hatte Friedrich der Grosse 

Sich selbst geschnitzelt aus Nussbaumholz. 

Und darauf war sie naturlich stolz. 

Da kam ein Holzwurm gekrochen. 

Der hatte Nussbaum gerochen. 

Die Dose erzdhlte ihm lang und breit 

Von Friedrich dent Grossen und seiner Zeit. 



Sie nannte den alten Fritz generos. 
Da aber wurde der Holzwurm nervos 
Und sagte, indent er\ zu bohren begann : 
,,Was geht mich Friedrich der Grosse an!" 



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541302 



Ein mdnnlicher Briefmark erlebte 
Was Schones, bevor er klebte. 
Er war von einer Prinzessin beleckt. 
Da war die Liebe in ihm erweckt. 

Er wollte sie wiederkussen, 

Da hat er verreisen miissen. 

So liebte er sie vergebens. 

Das ist die Tragik des Lebens! 







0(iAn^<n^ 




\ 



DIE AMEISEN. 



In Hamburg lebten zwei Ameisen, 
Die wollten nach Austr alien reisen. 
Bei AUona auf der Chaussee 
Da taten ihnen die Beine weh 
Und da verzichteten sie weise 
Denn auf den letzten Teil der Reise. 

So mil man oft und kann dock nicht 
Und leisiet dann reeht gern Verzicht. 





War eintnal ein Schwefelholz, 
Das sich mit erhab'netn Stolz 
Einen Anarchisten nannte 
Und ein games Hans verbrannte. 
Dieses war schon ungewdhnlich, 
Dock es kannte auch fersonlich 
Meyers Taschenlexika, 
Ganz sfeziell das Bandchen „A", 
Weshalb es sich nach dem Brande 
An besagtes Bandchen wan die 
Mit den Worten: „Sag, was ist 
Eigentlich ein Anarchist?" 




„Nein" schimpfte die Ringelnatter, ,,die Mode 
Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode. 
Jetzt soil man tdglich, sage und schreibe, 
Zweimal die Wdsche wechseln am Leibe. 
Und immer schlimmer wird's mit den Jahren. 
Es ist rein um aus der Haul zu jahren!" 
So schimpfte die Ringelnatter laut 
Und wirklich fuhr sie aus der Haut. 



Der Vorfall war nicht ohne Bedeutung, 
Denn zoologisch nennt man das Hdutung. 






Es war ein Brikett, tin grosses Genie, 
Das Philosopkie studierte 
Und spdter selbst an der Akademie 
Im gltichen Fache dozierte. 

Es sprach zur versammelten Briketterie: 
„Vcrehrliches Auditorium, 
Das Leben — das Leben — beachten Sie 
1st nichts als tin Provisorium" 

Da wurde als ketzerisch gltich verbannt 
Der Satz mit dem Provisorium. 
Das arnte Brikett, das wurde verbrannt 
In tinem Privatkrematorium. 



8 



„Sie faule, verbummeUe Schlampe," 

Sagte der Spiegel zur Lampe. 

„Sie altes, schmieriges Scherbenstiick" 

Gab die Lampe dem Spiegel zuriick. 

Der Spiegel in seiner Erbitterung 

Bekam einen ganz gewalligen Sprung. 

Der zornigen Lampe verging die Puste. 

Sie fauchte, rauchte, schweeke and ruste. 

Das Stubenmddchen Hess beide in Ruhe 

Und dock: Ihr schob man die Schuld in die Schuhe. 




BifMichtr, dit Sehnupftabacksdott. g 




DAS SCHLOSSELLOCH. 

Das Schlusselloch, das im Hausior sass, 

Erlaubte sich nachts einen Spass. 

Es nahten Studenten 

Mit Schliisseln in Handen. 

Da dachte das listige Schlusselloch: 

Ich will mich verstecken, 

Um sie zu necken! 

Worauf es sich wirklich seitwdrts verkroch. 

Alsbald nun tasteien die Studenten 

Suchend, 

Fluchend, 

Mit Handen 

An Wanden. 

Und weil sie nichts fanden, zogen sie wetter. 

Schlusselloch lachte heiter. 

(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer. 
Eigentlich war die Sache noch schlimmer. 
Ich selbst war ndmlich bei den Studenten — 
Doch lassen wir es dabei bewenden.) 



10 




Es trafen sich von ungefdhr 

Ein Wolf, ein Mensch, sowieein Bar, 

Und weil sie lange nichts gegessen, 

So haben sie sich aufgefressen. 

Der Wolf den Menschen, der den Bar, 

Der Bar den Wolf. — Es schmeckte sehr 

Und blieb nichts Ubrig, als ein Tuch, 

Drei Haare und ein Worterbuch. 

Das war der Nachlass dieser drei. 

Der eine Mensch, der hiess Karl May. 



ii 



C'y 




Ein Pflasterstein, der war einmal 
Und wurde viel beschritten. 
Er schrie: „Ich bin ein Mineral 
Und muss mir ein filr allemal 
Dergleichen streng verbitten!" 

Jedoch den Menschen fiel's nicht ein 
Mit ihm sich zu befassen, 
Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein 
Und muss sich treten lassen. 



12 







„Ruhe ist viel wert," 

Sagte das Nilpferd 

Und setzte sich in 'was Welches. 

Der Elefant tat ein Gleiches. 




13 




Der Ohrwurm mochte die Taube nichi leiden. 
Sie hasste den Ohrwurm ebenso. 
Da trafen sich eines Tages die beiden 
In einer Strassenbahn irgendwo. 

Sie schUttelten sich erfreut die Hdnde 
Und IdcheUen liebenswiirdig ddbei 
Und sagten einander ganze Bdnde 
Von ubertriebener Schmeichelei. 

Doch beide wilnschten sie sich im stillen, 
Der andre moge zum Teufel gehn, 
Und da es geschah nach ihrem Willen, 
So gab es beim Teufel ein Wiedersehn. 



14 



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far! 



Es lebte an diskretem Orte 

Ein Stiickchen Seife, bester Sorte, 

In einem Porzellanbehdlter. 

Das ward mit jedem Tage alter. 

Weil es mit Moschusduft durchhaucht, 

Ward es vom Menschen gern gebraucht. 

Einstmals — das wann und wie ist schnwpfe - 

Geriet es in die Erbsensuppe. 

Der Mensch benahm sich miser abeL 

Er stack die Seife mit der Gabel, 

Beroch sie roh und rief: „Pfui, Spinne!" 

Da schwanden ihr vor Angst die Sinne. 




*5 




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Zh'd Badewanne prahlte sehr. 

Sie hielt sich fiir das Mittelmeer 

Und ihre eine Seitenwand 

Fur Helgolander . Kiistenland. 

Die andre Seite — gab sie an — 

Set das Gebirge Hindustan 

Und ihre grosse Rundung set 

Bestimmt die Delagoabai. 

Von ihrem spitzen Ende vorn, 

Erkldrte sie, es sei Kap Horn. 

Den Kettenzug am Regulator, 

Hielt sie sogar fur den A equator. 

Sie war — nicht wahr, das met ken Sie? 

Sehr schwach in der Geographie. 

Dies eingebildete Bassin. 

Es wohnte im Quartier latin. 




16 




Es waren einmal zwei Gutntnischuh, 
Die waren stehen gelassen. 
Ihr Herr, der suchte sie immerzu 
Und konnte sie nirgend fassen. 

Er suchte sie nah und suchte sie fern, 
Er suchte sie vorn und hinten, 
Und die Gummischuhe suchten den Herrn 
Und konnten ihn nirgend finden. 

Der Herr durchsuchte die game Welt; 
Die Gummischuhe desgleichen 
Und wenn die Sache so wetter geht, 
So werden sie nie sich erreichen. 



Botticher, die Sehnufiftabackideu. 



17 





Es bildete sich ein Gemisch 

Von Stachelschwein und Tintenfisch. 

Die Wissenschaft, die ieilt es ein 

In Stachelfisch und Tintenschwein. 

Der Fisch bewohnt den Ozean. 

Gefdhrlich ist es, ihm zu nahn. 

Das Tintenschwein trifft man in Buchern, 

An Fingerspitzen, Taschentiichern. 

Es ist — das liegi ja auf der Hand — 

Dent Igelschwein noch sehr verwandt. 




18 



3* 




Lackschuh sprach zum W asset stiebel: 
ti Lieber Freund, du riechst so tibel. 
Und du bist nach meiner Meinung 
Eine stotende Etscheinung. 
Datum muss wohl von uns beiden 
Einet dieses Schuhhaus meiden." 
Stiefel l&cheUe dazu 
Und begann: „Vetehttet Schuh, 
Wenn du jenes Sptichwott kennst: 
AUes ist nicht Gold, was gldnzt, 
Nimm es besset dit zu Hetzen, 
Denn die Welt, sie liebt zu schwatzen. 
Was da glanzt, auch zieht sie keck 
Das Ethab'ne in den Dteck. 



19 



Will dein Lack mir auch gef alien, 
Teurer Schuh, bedenke dock, 
Wenn der Lack in Staub zerfallen, 
Lebt das fette Leder noch. 
Niemals hieltest du den nassen 
Kallen Wasserfluten Stand, 
Denn die Elemente hassen 
Das Gebild von Menschenhand" 
Und der Schuh verbeugte sich. 
Darauf sprach er ernst und wiirdig: 
„Freund, ich iiberzeugte mich, 
Doss du mir ganz ebenbUrtig. 
Leider war mir anjangs duster, 
Was mir jetzt Gewissheit ist, 
Dass du Meisterwerk vom Schuster 
Wasser-Dichter Stiefel bist." 



20 




Ein Taschenkrebs und ein Kdnguruh, 
Die wollten sich ehelichen. 
Das Standesamt gab es nicht zu t 
Weil beide einander nicht glichen. 

Da fief en sie zornig: „Verflucht und verdammi 

Sei dieser Bureaukratistnus/" 

Und hingen sich auf vor dent Standesamt 

An einem Turmechanismus. 



21 




Frau Teemaschine sang auf dem Feuer. 

Der Beifall war ganz ungeheuer. 

Ja, ihre Base Petroleumkanne 

War von dem Liede ganz gefangen. 

Ihr rannen die Trdnen fiber die Wangen 

Und tropften gerade in eine Pfanne, 

In der ein Schweinebraten briet, 

Der ausgezeichnet dann geriet. 

War auch Petroleum drauf geflossen, 

Er wurde trotzdem dock genossen. 

Sein Kerr war mil dem Koch zufrieden. 

(Besagter Herr war ein Kosak; 
Sein Leibgericht war Siegellack. ) - 

Ja, die Geschmdcker sind verschieden. 



22 



L^rff^f iyfy~~ fyAw+rf ) 



23 




Man stirbt hier vor Langeweile, 

Dachte die Nagelfeile 

Beim Mittagessen! 

Und machte sich, wie von ungefdhr, 

Ueber den Fingernagel her, 

Beim Mittagessen I 

Da begann eine silberne Gabel zu schreVn: 

tt Meine Dame Sie sind hier nicht allein !" 



24 



Es war einmal ein Kragenknopf 
Mit einer Mechanik am Kopf. 
Der Kragenknopf sass im Genick. 
Er schnipste mit der Mechanik, 
Worauf mit unheilvollem Klang 
Ein Kragen, der den Hals umschlang, 
Elastisch aus der Angel sprang. 
Ein Finger miihte sick durch Knipsen 
Ihn wieder richtig einzuschnipsen, 
Doch weil ihm das nicht wollte gliicken, 
Ergriff besagter Kragenknopf 
Schnell die Gelegenheit beim Schopf 
Und rutschte an des Menschen Rilcken 
Mit nie geaJinter Blitzesschnelle 
Hinab nach jener dustern Stelle, 
Die sich der arme Mensch verletzt, 
Wenn er sich auf 'was Spitzes setzL 




Bcttichtr, dit Scknujfiabacktdost. 



*5 




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Die Nacht erstarb. Und der Tag erwachte. — 
Draussen unlet dem Sternenhimmel 
Stand ein Droschkenpferd, ein Schitnmel, 
Und lachte. 

Der Tag entwich und die Nacht begann. 
Auf steiniger Ebene ruhte das Pferd. 
Es hatte die Beine gen Himmel gekehrt 
Und sann. 

Und wieder durchzuckten die Sterne den Himmel. 

Das rechte Auge des Pferdes trdnte. 

Der Mann auf dem Kutschersitze gdhnte 
Und trank einen KiimmeL 




26 




An einem Teiche 

Schltch eine Schleiche, 

Eine Blindschleiche sogar. 

Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind. 

Die Schleiche sah nicht was es war, 

Denn sie war blind. 

Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche 
Einer Blindschleiehe. 



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/w dunklen Erdteil Ajrika 
Starb eine Ziehharmonika. 
Sie wurde mit Musik begraben. 
Am Grabe sassen zwanzig Raben. 
Der Rabe Num'ro einundzwanzig 
Fuhr mit dem Segelschiff nach Danzig 
Und grundete dort etwas spdter 
Ein Heim fur kinderlose Vater. 
Und die Moral von der Geschicht? — 
*Die weiss ich leider selber nicht. 



28 




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Der Mensch braucht — ohne sick zu sputen — 

Zum Kilometer zwolf Minuten. 

Die Wanderratte lauft so weit 

In ungefdhr derselben Zeit. 

Da nun genannte Wanderratte 

Bis dato stets vier Beine hatte, 

Wie schnell lauft da ein Tausendfuss? 

Ich weiss es xmrklich nicht. Weisst du's? 





29 



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TANTE QUALLE UND DER ELEFANT. 

Die Tante Qualle schwamm zum Strand. 

Es liebte sie ein Elefant 

Mit Namen Hildebrand genannt. 

Der wartete am Meeresstrand 

Mit einem Strdusschen in der Hand. 

Das iibergab er ihr galant 

Und bat um Tante Quallens Hand. 

Da knupften sie ein Eheband. 

Der Doktor Storch, der abseits stand, 

Der dachte: „Armer Hildebrand /" 

Worauf er weiterging und lachte. 

Warum der Storch wohl so was dachte? 



30 



Ein Schutzmann wurde pldtzlich krank 

Und setzte sich auf eine Bank. 

Dort sass bereits ein Stachelschwein. 

Der Schutzmann setzte sich hinein. 

Da schrie er: „Au/" und schrie er: „Ohl lt 

Und kratzte sich an dent Po — lizeihelm. 




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UNTERM TISCH. 

Es war ein Stiickchen Frontage de brie 

Das fiel untern Tisch. Man sah nicht wie. 

Dort standen zwei Lackschuh mit silbernen Schnallen. 

Die fanden an dent Frontage Gefallen 

Und traten nach einiger Ueberwindung 

Mit ihm in ganz intime Verbindung. 

A Is abends die beiden Schnallengezierten 

In einer jeudalen Gesellschaft soupiertcn, 

Erhoben sich filotzlich zwei andere Schuhe 

Und knarrten verlegen und baten um Ruhe 

Und sagten, als alles ruhig war: 

„Verehrte, es — riecht hier so sonderbar." 




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32 




Ein Pinsel mit sehr talentvollen*Borsten 

Der musste viel hunger n und viel dorsten. 

Er war 60 Jahre alt und hiess Tipfelchen. 

A us festem Tannenholz war sein Stiel. 

Er make, und was er matte, gefiel. 

Dock, wie gesagt, er litt Hunger und Durst. 

Da kam eine junge fettige Wurst. 

Sie wog 500 Gramm und war vom Stamme Rindvieh, 

Kaum hatte der Pinsel die Wurst gesehn, 

Blieb er stehn, 

Buckie sich tief dabei 

Knickte dann schief entzwei. 

Die Wurst aber, mit Namen Schulze, 

Sagte: „Mein lieber Tipfelchen, 

Hier hast du ein Wurstzipfelchen, 

Male mir mat drei Meter Sulze. 



Botticher, die Schnuf/tabacksdose. 



33 



#4L 




Ein Lied, das der beruhmte Philosoph Haeckel am 3. Juli igu 
vormittags auf einer Gartenfromenade vor sick hinsang. 

(Von einem Ohrenzeugen. ) 

Wimmbamm Bumm 
Wimm Bammhumm 
Wimm Bamm Bumm 

Wimm Bammbumm 
Wimm Bamm Bumm 
Wimmbamm Bumm 

Wimm Bamm Bumm 
Wimmbamm Bumm 
Wimm Bammbumm. 



34 




Ein Nagel sass in einem Stuck Holz. 

Der war auf seine Gattin sehr stolz. 

Die trug eine goldene Haube 

Und war eine Messingschraube. 

Sie war etwas locker und etwas verschraubt, 

Sowohl in der Liebe, als auch uberhaupt. 

Sie liebte ein Hdkchen und traf sich mil ihm 

In einem Astloch. Sie wurden intim. 

Kurz, eines Tages entfernten sie sich 

Und liessen den armen Nagel im Stick. 

Der arme Nagel bog sich vor Schmerz. 

Noch niemals hatte sein eisernes Herz 

So bittere Leiden gekostet. 

Bald war er beinah verrostet. 

Da aber kehrte sein frUkeres Gluck, 

Die alie Schraube wieder zuriick. 

Sie gldnzte fibers ganze Gesicht. 

J a, alte Liebe, die rostet nichtt 



35 




Der Spiegel, der Kamm 

Und der Schwamm 

Und das weisse Handtuch <s?$$55^ 

an der Wand 
Und ein Mann, der hinter dent Kleiderschranh stand, 
Die warteten auf das schone Mddchen 
Kdthchen. 

Und endlich, endlich kam Kdthchen gegangen. 
Da kusste der Schwamm ihr Mund und Wangen 
Und sie kusste den Schwamm und beugte sich niedcr 
Und kusste das Handtuch und kusste es wieder. 
Sie Hess sich von dem Spiegel umschmeicheln 
Und von dem Kamme ihr Goldhaar streicheln. 
Dann sagte sie alien recht schonen Dank. 
Dann sah sie den Mann hinterm Kleiderschrank 
Und rannte davon und schrie dabei: 
„Zu Hilfef Morderr und „Polizeir 

Der Mensch glaubt fiber den Dingen zu stehen. 
Hier war das Gegenteil deutlich zu sehen. 



3^ 




ore* 



Es war eine gelbe Zitrone, 
Die lag unter einer Kanone, 
Und deshalb bildetc sie sick ein, 
Eine Kanonenkugel zu sein. 
Der Kanonier im ersten Glied, 
Der tnerkte aber den Unterschied. 

Bemerkt sei noch zu diesem Lied, 
Ein Unterschied ist kein Oberschied. 




37 




Das Nadelkissen hildete sich ein, 

Mit dent Stachelschwein ^ 

Verwandt zu sein. 

Das Nadelkissen 

1st, wie wit wissen, 

Eine recht nutzliche Erscheinung. 

Naturlich sind wit ganz seiner Meinung. 



38 





Es war einmal ein Kannibale., 
Der war aus Halle an der Saale. 
Man sah ihn oft am Bodensee 
Fiir zwanzig Pfennige Entree. 




39 




Bin bettelarmer, braver Mann, 

Der Tag und Nacht nur Gutes sann 

Und gar nichts mehr zu essen hatte 

Als eine halbverweste Ratte, 

Der auch kein Bett besass zum Schlafen, 

Der ging in seiner hochsten Not 

Zu einem reichen, stolzen Graf en 

Und bat ihn urn ein Stilckchen Brat. 

Der Graf nahm das gewaUig iibel 

Und schlug mit dem Champagnerkiibel 

Den braven Bettler lachelnd tot. 

Dach niemand wagte es, den Graf en 

Fiir solche Freveltai zu strafen. 

Und deshalb wurde sein Betragen 

Dann mit den Jakren noch viel schlimmer. 

So manchen Leser hor' ich sagen: 

Ja t ja! — ja t ja! — So ist das imtner! 

Ich aber denke still fur mich: 
Der Leser ist ein Gdnserich. 



40 





Ein kuhnes Rosshaar erkldrte den andern: 
Es miisse aus der Matratze wandern. 
Es poche auf seine Grossj&hrigkeit 
Und es liege in seiner Rosshdrigkeit 
Der Trieb zum Wandern. Da rief es : „A dteuf" 
Und damit schnelUe es sich in die H6h\ 
Ein Mensch sass auf besagier Matratze. 
Das Rosshaar hUpfte auf seine Glatze, 
Und weil es sehr gut gedieh an dent Orte, 
So wuchsen dort bald noch mehr von der Sorte. 



Iibtticher, die Sthnu£ftabakfdote. 



41 




Es war einntal ein schlimmer Hasten, 
Der horte gar nicht auf zu fiusten. 
Zwar kroch er hinter eine Hand, 
Was jedermann manierlich fond. 
Und dock hat ihn der Doktor Lieben 
Mit Liebens Malzbonbon vertrieben. 
Bemerkt set noch: Fur dies Gedicht 
BezahUe mich Herr Lieben nicht. 



42 



6* 




Ein KefUkopf litt an Migrdne 

Und schrie wie eine Hy&ne, 

Er schrie sich wund. 

Dock als ihm niemand zu Hilfe kam 

Und niemand sein Geschrei vernahm, 

War er auf einmal gesund. 




43 







ERRARE HUMANUM EST. 

y^v£* Ik Quitschfidel, mit roter Nose, 

Seh ich Kunze gehn. 
Warum bleibt er filotzlich mitten auf der 

Strasse 
Stehn? 
Warum runzelt er die Brauen? 
Warum mag er so entsetzlich 
Schmerzlich himmelaufwdrts schauen? 
Warum wird er pldtzlich 
Blass? 

Oh, nun weiss ich was - 

Er erblickt mich, winkt. — Fatal! 
„Servus, armer Kunze/ — eiltl — ein 

andermal!*' 



Kalte, falsche, rilchsichtslose 
Freunde hat die Unterhose. 




44 




LOGIK. 

Die Nacht war kali und sternenklar, 
Da trieb im Meet bet Norderney 
Ein Suahelischnurrbarthaar. — 
Die ndchsie Schiffsuhr wies auf drei. 

Mir scheint da mancherlei nichi klar, 
Man fragt dock, wenn man Logik hat. 
Was suchi ein Suahelihaar 
Denn nacht s um drei am Kaitegatt? 



45 





MILIZ. 

„Sie haben sich gestern schrecklich betragenf" 

Wottte das Putzleder zur Trommel sagen. 

Aber die Trommel spannte schnell 

Ihr dickes Fell 

Und begann einen donnernden Wirbel zu schlagen, 

Na — und da blieb dem Putzleder vor Schrecken 

Das Wort im Munde stecken. 



46 





„0A," rief ein Glas Burgunder, 

„0h, Mond, du gdttliches Wunderl 

Du giesst aus silberner Schale 

Das liebestautnelnde, fakle, 

Trunkene Licht wie sengende Glut 

Hin fiber das nachtigallige Land " 

Da rief der Mond, indent er verschwand: 

, Jch weiss ! Ich weiss I Schon gut t Schon gut t ' 






47 



Es war ein Stahlknopf irgendwo, 
Der ohne Grund sein Knoffloch floh. 
(Vulgar gesprochen: Es stand of fen.) 
Ihm sass ein Frdulein vis-d-vis. 
Das lachte plotzlich: Hi hi hi. 
Da filhUe sich der Knopf getroffen 
Und drehte stumm 
Sich um. 

Solch' Peinlichkeiten sind halt nur 
Die schlimmen Folgen der Kultur. 






48 



An der Zehe gleich vorn 

Sass ein Leichdorn. 

Der Bader, den man befragte, 

Der sagte: 

Der Leichdorn set eine Sommers-prosse. 



Verzeihe mir, Leser, diese Posse/ 





49 



Humorist ika aus dem Verlag R. Piper & Co. 
CHRISTIAN MORGENSTERN: 

HORAT1US TRAVESTITUS 

Dritte wesentlich vermehrte Auflage, 
mit Umschlag von KARL WALSER. 

Geheftet M. 2. — , gebunden M. 3. — . 



Dieses launige Werk Morgensterns steht an 
Fulle des erheiternden Humors neben seinen 
beriihmten „Galgenliedern" und seinem ,,Palm- 
strom". Der alte Horaz streift da durch das 
moderne Berlin und findet die lustigsten Gegen- 
stiicke zu dem antiken Leben Roms. Die neue 
Auflage ist reich vermehrt urn eine Reihe Oden 
angeblich aus dem Nachlass des Horaz, deren 
schlagender Witz die verschiedenen Seiten mo- 
dernen Lebens aufs Korn nimmt. So hat nicht 
nur der Horazkenner, der allerdings diese Tra- 
vestie des klassischen Lateiners besonders zu 
wiirdigen wissen wird, an dem Buch seine Freude, 
sondern jeder Freund feinen kultivierten Humors. 



Humoristika aus dem Verlag R. Piper & Co. 



GEORG QUER1: 

Die weltlichen Gesange 

des Egidius Pfanzelter 

von Polykarpszell 

Mit vierzig Bildern von PAUL NEU. 
Viertes bis vierzehntes Tausend. 
Preis M. 1. — In farbigem Umschlag. Lustig ge- 
bunden mit buntem Vorsatzpapier M. 2. — , Luxus- 
Ausgabe : ioo Exemplare, mit der Hand koloriert, 
auf echt Biitten, in Ganzpergament, vom Alitor 
signiert, M. 18. — . 

In den Munchner Neuesten Nachrichten urteilte Fritz 
v. Ostini uber dies Buch: „Ein lustiges Buchlein! 
Aus ihm spricht die bayrische Volksseele in unver- 
falschten Lauten. Und wunderbar echt sind diese hane- 
buchenen Verse und haben doch Rhythmus und Farbe 
bei aller Kunstlosigkeit der Form. Dazu einen oft kost- 
lichen Humor ! In dieser Urechtheit, wie in ihrem Humor, 
liegt ihr Wert. Sie sind Poesie im derbsten Holzschnitt- 
stil mit den ,lachenden, gesunden Farben der Volkskunst' 
koloriert und bedeuten unverfalschte kulturgeschichtliche 
Dokumente." 

Auch fiir den Norddeutschen bietet die Lektiire des 
Buches nicht die geringsten Schwierigkeiten, hat doch 
der Verfasser ihm einen j.Wegweiser durch den Sprach- 
schatz des Egidius Pfanzelter" angehangt, der jedem das 
Verstehen der wenigen schwierigeren Ausdrucke ermoglicht. 



Humoristika aus dem Verlag R. Piper & Co. 



Der Deutsche 
in der Anekdote 



Eine deutsche Kulturgeschichte 
in 400 Anekdoten. 

Gesammelt von TONY KELLEN. 

■ = 320 Seiten. = 

Geheftet M. 1.80, gebunden M. 2.80. 



Kellen ist im Recht, wenn er das Buch eine Kultur- 
geschichte in Anekdoten nennt. Nichts ist geeig- 
neter, ein Charakterbild scharfer zu zeichnen, als die 
Aufbietung der Anekdote, deren Gebiet ja eben die 
Auspragung des einzelnen Zuges vermittelst eines be- 
zeichnenden Ereignisses ist. So ist denn hier, da die 
400 Anekdoten alien Zeiten der Geschichte des deutschen 
Volkes entnommen sind, ein in tausend Facetten schil- 
lerndes Charakter- und Kulturbild des Deutschen zu- 
stande gekommen, das im einzelnen sehr unterhaltsam, 
oft gcradezu amusant zu betrachten ist." 

Chemniizer Tagcblatt. 



Humoristika aus dem Verlag R. Piper & Co. 

Ergotzliche Geschichten 

in den Abteien des guten Lebens gesammelt und 
zur Freude pantagruelischer Knmpane, an Tag 
gebracht durch 

Herrn VON BALZAC, 

verdeutscht durch PAUL WIEGLER. Erstes 
bis drittes Tausend. Ein schoner starker Halb- 
pergamentband von 750 Seiten M. 9. — . Geh. 
M. 7. — . Luxusausgabe: 150 Exemplare auf echt 
Biitten in zwei Schweinslederbande geb. M. 80. — . 

Die Contes drolatiques haben Balzac zum Boccaccio 
Frankreichs gemacht. In der Tat sind Leute wie 
Boccaccio, Cervantes, Rabelais seine geistigen Kollegen. 
Balzacs unverwustliche Laune ist vielleicht noch an- 
steckender, noch origineller, sein Lachen noch breiter und 
schallender ; dabei ist dieser derbe Humor nie verletzend. 
Dazu ist er zu gesund. Dazu ist Balzac's Kunst zu gross, 
der diese Geschichten schrieb aus ubersprudelnder 
Lebenskraft und mit unverwiistlicher Erfindungsgabe. 
Franz Servaes fiihrt in grosserem Zusammenhange 
aus: ,,. . . Im iibrigen wird niemand glauben, dass 
Balzacs drollige Geschichten etwa Zotenhistorchen seien. 
Das sind sie ganz und gar nicht; vielmehr hat fast jede 
ihren schonen und nachdenklichen Ernst, bei aller 
Keckheit, die sie umwittert. Es sind Geschichten der 
menschlichen Torheiten und Laster, doch auch der 
unverwiistlichen Gesundheit und Zeugerkraft. Nehmt 
sie so, und sie werden mehr sein als eine gute und 
prickelnde Unterhaltung. ' ' 

Man verlange den vollstandigen illustrierten Katalog 



K. B. I iofbuchdruckerei Gebrfidcr Reichel, Augsburg. 



-S":r«»?3* v^«.